Sag nicht, wer du bist

Kanada 2013; 105 Min.; Regie: Xavier Dolan; mit Xavier Dolan, Pierre-Yves Cardinal, Lisa Roy; FSK ab 16 Jahre

Der Film im Internet: www.sagnichtwerdubist-film.de



„Es ist als sterbe heute ein Teil von mir. Und ich kann nicht weinen. Ich vergaß alle Synonyme für Traurigkeit“, kritzelt der Held als Vorwort in blauer Tinte auf ein weißes Küchentuch. Sein Partner ist verunglückt, nun macht sich Tom auf den Weg zur Beerdigung in die kanadische Provinz. „Les moulins de mon coeur” trällert Kathleen Fortin dazu auf dem Soundtrack - jener Song, dessen englische Fassung einst in „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ für Ohrwurm-Effekte sorgte.

„Was machen Sie in meinem Haus?“ will die überraschte Farmer-Frau von dem Besucher wissen. Dass ihr verstorbener Sohn und Tom ein Paar waren, hat Agathe nie erfahren. Vorsichtshalber gibt er sich als Arbeitskollege aus, „du benutzt dasselbe Parfüm wie er“, erkennt die Mutter, die den Fremden schnell sympathisch findet und ihm das Bett des Sohnes zum Übernachten anbietet. Weniger freundlich reagiert ihr Sohn Francis. Er weiß vom Schwulsein des Bruders und verlangt von Tom, diese Sache aus Rücksicht gegenüber der ahnungslosen Mutter zu verheimlichen. Mehr noch: Unter Androhung von Schlägen zwingt er bei der Trauerfeier den Gast, von einer angeblichen Freundin des Bruders zu erzählen. Eingeschüchtert fügt sich Tom in sein Schicksal. Widerstandslos hilft er fortan sogar dem Peiniger im Bauernhof beim Melken oder der Geburt eines Kalbes.
 
Die Möglichkeiten zur Flucht lässt Tom verstreichen, in einer seltsamen Mischung aus Masochismus und Stockholm-Syndrom fühlt er sich vom psychopathischen Bruder seines Liebhabers angezogen. „Ich weiß, dass ich dir gefalle“ spottet Francis, der sein perfides Spiel immer rigoroser gestaltet. Er zwingt Tom zum Koksen oder zum Tango-Tanzen im Stall. Als er ihn im Würgegriff hat sagt er vieldeutig: „Du bestimmst, wann ich aufhören soll!“. Dann wieder verprügelt er ihn oder droht, dass „der Mais im Oktober messerscharf“ sei. Als Tom in einer Bar zufällig erfährt, wie brutal und gefährlich Francis tatsächlich ist, entschließt er sich zum Handeln.
 
Waren bislang Mutterkomplexe oder Variationen über unerfüllte Liebe die Themen von Dolan, wollte er nun bewusst ein neues Genre ausprobieren und hat sich für seinen Psychothriller das Bühnenstück von Michel Marc Bouchard als Vorlage genommen. Wenngleich die Theaterhaftigkeit in dieser Versuchsanordnung durchaus spürbar ist, gelingt dem jungen Kanadier ein souverän inszeniertes, flott erzähltes Drama der durchweg spannenden Art. Mit wenigen Federstrichen hat er seine vier Figuren samt ihrer Ambivalenzen schnell gezeichnet. Jene Witwe, die um den Sohn trauert und zwischen resolut und zerbrechlich balanciert. Ihr Sohn, der sich fürsorglich gibt, allerdings als Monster mit Zeitzünder durchs Leben läuft. Schließlich der trauernde Held aus der Großstadt, der nicht recht weiß, wie ihm auf dem Land geschieht: Gleichermaßen angewidert und angezogen erlebt er die Schikanen von jenem Macho, der seinem verstorbenen Partner verblüffend ähnlich ist. Als schließlich noch die vermeintliche Freundin des Verstorbenen im Bauernhof auftaucht, gerät ihr Alibi-Auftritt zum emotionalen Brandbeschleuniger.
 
Patricia Highsmith und Hitchcock hätten ihre Freude an diesem lässigen Suspense-Drama, bei dem als Sahnehäubchen der Oscar-Preisträger Gabriel Yared auf dem Soundtrack den gruseligen Geigenklängen eines Bernard Herrmann seine musikalische Reverenz erweist.
 
Kaum hat er gezeigt, wie gut er Genre kann, erklimmt der fleißige Überflieger Dolan bereits die nächsten kreativen Gipfel. In Cannes ging er mit „Mommy“ in den Wettbewerb - und wurde frenetisch gefeiert wie kaum ein anderer.

Quelle: Dieter Oßwald, www.programmkino.de

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