Nymphomaniac 1

Dänemark, Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien 2013; 122 Min.; Regie: Lars von Trier; Darsteller:  Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, Willem Dafoe, Mia Goth

Der Film im Internet: www.nymphomaniac-derfilm.de



Schon der Auftakt des Films ist ein Appell an die Sinne. Eine ungewöhnlich lange Schwarzblende erinnert den Zuschauer daran, was bei allen Werken von Triers im Vordergrund steht: das Primat des Fühlens über das Sehen. Kino als intensiv-körperliche Erfahrung.

Es sind nur die sanften Geräusche des tropfenden Wassers zu hören, das wenig später visuell als geschmolzener Schnee identifiziert werden kann, der gleichmütig über die Szenerie einer freudlosen verwinkelten Gasse fällt. Lange bleibt die Kamera nah bei den Dingen, den blechernen Tonnen und Rohren, bevor sie auf den am Boden liegenden Körper einer Frau fällt, in ihrem Blut liegend, selbst verdinglicht. Ein älterer Mann entdeckt sie durch Zufall und nimmt sie zu sich nach Hause mit, da sie Polizei und ärztliche Hilfe verweigert. In seiner kleinen dunklen Wohnung entwickelt sich das Ausgangssetting des Films, das literarischer kaum sein könnte: Ein Dialog zwischen dem warmherzigen, zurückgezogenen Seligman (Stellan Skarsgård) und der verzweifelten und verletzten Joe (Charlotte Gainsbourg), der zugleich eine philosophische Grundsatzdebatte markiert.
Seligman glaubt an das Gute im Menschen, lebt wie ein Mönch in seinem Kosmos von Büchern und beschreibt sich selbst als asexuell. Seine Gesprächspartnerin hingegen ist verbittert und voller Selbsthass, hat wenig Erfahrung mit den Diskursen der Hochkultur und ist eine erklärte Nymphomanin.

In mehr oder weniger chronologischen Rückblenden teilt Joe mit dem hilfsbereiten Fremden die Geschichte ihres bewegten Lebens, unterteilt in acht einzelne Kapitel mit fantasievollen Namen, die stets durch einen Gegenstand im Raum motiviert werden, der zu Assoziationen anregt.

Formal orientiert sich von Trier ironischer Weise am klassischen Bildungsroman, eine Gattung die im 18. Jahrhundert in Deutschland entwickelt wurde, und führt sie ad absurdum. Joes Geschichte lässt sich zwar in Jugend-, Wander- und Meisterjahre unterteilen, doch an deren Ende steht kein Sieg der Vernunft. Stattdessen stellt er den vermeintlich gebildeten und überlegenen Erzähler Seligman in Frage. Zu jeder expliziten Erinnerung, hat dieser eine enzyklopädische Anekdote als Antwort parat und vergleicht Joes Sexualverhalten mal mit der Ökologie von Fischen, mal mit der melodischen Komplexität einer Bach Fuge. Dies wird so dynamisch und ausdrucksvoll durch von Triers Bildgestaltung inszeniert, dass die explizit gezeigte Sexualität eine eigentümliche Entrücktheit erfährt. Er verwendet dazu die lyrische Montage des Essayfilms, in welcher der Monolog des Erzählers durch assoziative Bildeinblendungen untermalt wird.
Zudem erlaubt die Nacktheit in „Nymph()maniac“ in ihrem Naturalismus wenig erregende Projektionen seitens des Zuschauers – von Trier zeigt den menschlichen Körper sehr pragmatisch, mit seinen Haaren und Falten sowie seiner Verletzlichkeit und dem nicht ausbleibenden Verfall.

Eine weite Quelle der Inspiration mag das literarische Vermächtnis des Marquis de Sade gewesen sein: so erinnert der Film thematisch an den „Dialog zwischen einem Priester und einem Sterbenden“ sowie „Die Philosophie im Boudoir“. Die Studie aller Spielarten der menschlichen Sexualität in Kombination mit einer radikal-individuellen Lebensphilosophie lässt sich auch auf Joes Lebensgeschichte übertragen, vor allem in der Frage, was denn nun ein tugendhaftes Leben sei.

Lars von Triers Freude an gesellschaftlichen Normüberschreitungen und -überprüfungen wird einmal mehr auf beeindruckende Weise offensichtlich. „Nymph()maniac“ ist ein komplexes und vor allem intellektuell erregendes Forschungsprojekt über die schwierige Verfasstheit des Menschen in all seinen unterschiedlichen Bedingungen; als animalische Triebkraft, als sozial eingebundenes und determiniertes Wesen, das an den Anforderungen gesellschaftlicher Austauschbeziehungen scheitern kann und doch immer abhängig bleibt, von seinem Bedürfnis nach Liebe und Intimität.

Die Auslotung dieser Widersprüche vor allem aus der Perspektive einer Frau zu erzählen, beweist einmal mehr von Triers Sensibilität und große Kunstfertigkeit, die in seinem zweiteiligen Werk einen neuen Höhepunkt erreicht.

Quelle: Silvia Bahl, www.programmkino.de

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