Mutter und Sohn

Rumänien 2013; 112 Min; Regie: Calin Peter Netzer; mit Bogdan Dumitrache, Vlad Ivanov, Luminiþa Gheorghiu, Mimi Branescu, Natasa Raab, Florin Zamfirescu; FSK ab 12 Jahren

Goldener Bär Berlinale 2013!

Der Film im Internet: www.mutterundsohn.x-verleih.de

Calin Peter Netzers Film verbindet ein Justizdrama um fahrlässige Tötung und Korruption im heutigen Rumänien mit dem Drama einer pathologischen Mutter-Sohn-Beziehung. Der 34-jährige Barbu hat ein Kind überfahren, seine Mutter Cornelia, eine 60-jährige blondierte Matriarchin, haut ihn mit allen Mitteln raus. Schneidende Dialoge, die die psychologische Präzision von Bergmans „Szenen einer Ehe“ mit den taktischen Manövern eines Politthtrillers verbinden, durchweg herausragende Darsteller und eine faszinierend schillernde Hauptfigur, machen „Mutter und Sohn“ zu einem der vermutlich besten Filme des Jahres. Auf der diesjährigen Berlinale wurde „Mutter und Sohn“ bereits mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Blondierte Frisur, knallroter Nagellack, makellose Schminke. Der Rücken durchgestreckt, die Hände immer am Steuer. Die Handtasche und das Telefon eine Waffe und der Pelzmantel eine Rüstung. Die 60 jährige Cornelia ist vor allem eines: souverän. Als ihre Schwester ihr die Nachricht überbringt, dass ihr 34-jähriger Sohn Barbu in einen Unfall verwickelt ist und ein Kind überfahren hat, verschwendet sie keine Sekunde an Sentimentalitäten. Mit der Zielstrebigkeit und Fokussierung eines Generals stürzt sie sich sofort in die Logistik eines breit angelegten Verteidigungsmanövers. Tatsachen müssen vertuscht, Polizisten bestochen, wohlgesonnene Bekannte im Polizeiapparat alarmiert und die Angehörigen des Opfers befriedet werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der alle das Spiel mitspielen, sich kaufen und erpressen lassen und ihrerseits versuchen, das Beste rauszuschlagen, lässt ahnen, dass Cornelia kein Einzelfall ist, kein singulärer Mutterdrache, sondern Symptom einer zutiefst korrupten Gesellschaft.

Unter der Oberfläche des routiniert abgewickelten Justizdramas findet jedoch noch ein weitaus härterer und persönlicherer Kampf statt, der zwischen der dominanten Mutter und ihrem verwöhnten, hypochondrischen Sohn ausgetragen wird. Barbu möchte sich der obsessiven Liebe Cornelias entziehen. Schon seit einiger Zeit kommt er nicht mehr zuhause vorbei und ruft nie an. Der Unfall gibt Cornelia nun die Gelegenheit, sich noch einmal aus vollem Herzen einzumischen. Sie holt Barbu „nach Hause“, schnüffelt in seiner Wohnung herum und schmiedet taktische Allianzen mit seiner Freundin. Ihren Eroberungsfeldzug um ihren Sohn führt sie mit der gleichen Vehemenz und dem gleichen taktischen Kalkül wie den Kampf mit den Behörden, eine Vehemenz, mit der sie Barbu tragischerweise immer weiter von fort treibt.

Regisseur Calin Peter Netzer zeigt in seinem furiosen Mutter-Sohn-Drama eine eisige Welt, in der die Luxuswohnungen der rumänischen Oberschicht wenig mehr Wärme ausstrahlen als die graue Polizeistation, in der Barbu nach dem Unfall von seiner Mutter abgeholt wird. Das Licht ist kalt, die Kamera unruhig, distanziert, wie in den frühen Dogma-Filmen. Alle Gespräche, seien sie persönlich oder geschäftlich, sind durchtränkt von Kalkül und Manipulation, kein Satz, bei dem man sich nicht fragt, was Cornelia eigentlich bezweckt, keine einzige unbedachte Geste. Nur einmal, ganz zum Schluss, meint man einen Riss im Panzer zu sehen, vielleicht. Unter dem Eis allerdings brodelt es. Gier, Gewalt, Zwangsverhalten, Angst vor Liebesentzug, Angst vor dem Verlust der Kontrolle - Cornelia agiert wie ein Mafiaboss, der das Ende seines Imperiums nahen sieht und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen ankämpft. Sie ist unsympathisch, manisch, beängstigend, gefährlich, verzweifelt – und fantastisch facettenreich gespielt von Luminiþa Gheorghiu.

Quelle: Hendrike Bake, www.programmkino.de

wochenprogramm links Wochenprogramm