HYDE PARK AM HUDSON

Großbritannien 2012; 95 min.; Originaltitel: Hyde Park on Hudson; Regie: Roger Michell; mit Bill Murray, Laura Linney, Olivia Williams, Olivia Coman, Samuel West, Elizabeth Wilson; FSK keine Altersbeschränkung

Der Film im Internet: hydeparkamhudson.de

The clash of cultures – der Zusammenprall zweier unterschiedlicher Gesellschaftsformen – ist ein dankbares Komödienthema. Hier geht es um die Begegnung zwischen Präsident Roosevelt und dem britischen König George VI. nebst Gemahlin Elizabeth. Daraus ergeben sich fast naturgemäß viele Situationen, die zu Seitenhieben gegen arrogante Engländer und ungehobelte Amis einladen. Zusätzlich gibt es ein paar Einblicke in politische Hintergründe, denn der Film spielt kurz vor dem 2. Weltkrieg … Regisseur Roger Michell (u. a. „Notting Hill“) präsentiert in aufwändig gestalteten Bildern eine Geschichte, die in ihren besten Momenten Poesie mit Ironie verbindet und, sicherlich nicht zufällig, an „The Kings Speech“ erinnert, leider ohne die konsequente Erzählstruktur des großen Vorbilds. Die tolle Kameraarbeit, schwungvolle Dialoge und eine herausragende Schauspielergarde, allen voran Bill Murray und Laura Linney machen den Film dennoch sehenswert.

Da gab es diese Cousine von Präsident Roosevelt, Margaret Suckley, genannt Daisy. Sie war, wenn man diesem Film glauben darf, seine Geliebte. Aus ihrer Sicht wird der Film erzählt: das Kennenlernen, die langsame Vertrautheit, erste Intimitäten, die Liebesbeziehung. In diese Zeit fällt eine Stippvisite des britischen Königspaars im Juni 1939, die tatsächlich stattfand. Noch nie hatte ein englischer König die USA besucht. Immerhin war da dieser Unabhängigkeitskrieg … Wenn George VI. mit seiner Frau Elizabeth über den Atlantik reiste, um den amerikanischen Präsidenten zu besuchen, dann musste es einen schwerwiegenden Grund dafür geben. Und den gab es, denn England war in Not. Der Krieg schien unvermeidbar, und George brauchte jede Unterstützung, die er bekommen konnte.

Schon geht‘s drunter und drüber auf dem Landsitz der Roosevelts in Hyde Park, der Kleinstadt im Staat New York: Fast alle sind nervös, besonders die Damen. Werden sich alle angemessen benehmen? Wird alles klappen? Wie macht man eigentlich einen Hofknicks? Und wie spricht man die Hoheiten an? Auf der anderen Seite sieht es kaum besser aus: Der britische König, gehemmt durch seinen Sprachfehler und sein distanziertes Wesen, steht unter Erfolgsdruck. Doch dann entwickelt sich alles eigentlich – die Betonung liegt auf „eigentlich“ – ganz organisch. Kleinere Pannen stellen sich als segensreich heraus, denn sie lockern die Stimmung. Bei Hot Dogs zum Picknick kommt man sich näher. Hier und da werden Geheimnisse offenbart, Krisen beigelegt oder Katastrophen verhindert. Über allem steht die charismatische Persönlichkeit des Präsidenten, sein unbeirrbarer Blick fürs Wesentliche und sein Durchsetzungsvermögen, das er trotz seiner schweren Krankheit – er sitzt wegen einer Lähmung meist im Rollstuhl – immer wieder unter Beweis stellt.

Derselbe Pragmatismus und dieselbe Effizienz hätten auch dem Drehbuch gut getan. Denn hier wird zunächst eine Liebesgeschichte erzählt, die fast vollständig in den Hintergrund rückt, wenn sich das britische Königspaar ankündigt. Und das ist tatsächlich die bei weitem interessantere Geschichte, zumal sie viele Möglichkeiten für amüsante Missverständnisse und dramatische Verwicklungen bietet. Mühsam gelingt es am Ende, den zu Beginn gesponnenen Faden wieder aufzunehmen: Es kriselt zwischen Daisy und ihrem präsidialen Liebsten, ein paar Geheimnisse werden ausgeplaudert, und siehe da, die hohen Herrschaften sind, nicht ganz überraschend, auch nur Menschen wie du und ich. Vielleicht ist es fürs angelsächsische Publikum schockierend, wenn ein beinahe heilig gesprochener US-Präsident im Nachhinein als Weiberheld, Schlingel und toller Hecht entlarvt wird.

Doch alles andere stimmt: Die Dialoge sind großartig, die Pointen zwischen Briten und Amerikanern fliegen hin und her, dass es nur so seine Bewandtnis hat. So sind es neben den Schauspielern diese schneidigen Wortduelle zusammen mit den wunderbaren Bildern von Lol Crawley, die den Film attraktiv machen. Wenn sich die Interpretation von Roosevelt in seinem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht nicht als so mutig wie vermutlich erwünscht darstellt, dann liegt das sicherlich nicht an Bill Murray, der den Staatsmann Teddy Roosevelt als komplizierten und lebenshungrigen Burschen zeigt. Laura Linney spielt die Daisy als weitgehend sanftmütige Gefährtin. Als britisches Königspaar glänzen Samuel West und Olivia Colman, ganz anders als Colin Firth und Helena Bonham Carter, majestätischer, weniger liebenswert, aber sehr realistisch. Klasse zeigt auch Olivia Williams als Eleanor Roosevelt – eine selbstbewusste Frau, die sich mit Witz und Charme durchzusetzen weiß und zur ersten aktiven First Lady der Geschichte wird.

Fürs Meisterwerk fehlt hier vielleicht wirklich nur die klare Linie vom Start weg, die dem Publikum eindeutig zeigt, worum es wirklich geht. Die Lösung bietet sich an: der Beginn eines neuen Zeitalters der Gemeinsamkeit – zwischen Staaten, Völkern, Männern und Frauen.

Quelle: programmkino.de

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