Fliegende Liebende

Spanien 2013; 91 Min; Regie & Buch: Pedro Almodóvar; mit Javier Camara, Antonio de la Torre, Hugo Silva, Carlos Areces, Lola Duenas, Cecilia Roth, Blanca Suárez, José Luis Torrijo; FSK ab 16 Jahren

Der Film im Internet: www.almodovar.de

Flugbegleiter am Rande des Nervenzusammenbruchs: Der neue Film von Pedro Almodóvar zeigt Passagiere im hemmungslosen Drogen- und Sexrausch über den Wolken. Die luftig-leichte Komödie spielt mit gängigen Schwulenklischees, übt zarte Kritik an der gegenwärtigen Krisen-Politik Spaniens – und unterscheidet sich deutlich von Almodóvars letzten Dramen „Zerrissene Umarmungen“ oder dem Horror-Kammerspiel „Die Haut, in der ich wohne“. In Mini-Gastrollen mit dabei: Penélope Cruz und Antonio Banderas.

Der bedingungslose Tabubruch gehört zu jedem Almodóvar-Film, wie die Leinwand zum Kino. Früher waren dies Nonnen, die an Aids erkrankten oder Krankenpfleger, die Sex mit einer Frau im Koma hatten. Im Drama-Genre verfehlt dieser vermeintliche Stich in die angestaubten Moralvorstellungen konservativer Spanier nur selten seine Wirkung. Wer eine Slapstick-Komödie dreht, läuft allerdings Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Für nötige Glaubhaftigkeit in 10 000 Metern Höhe sorgt die extravagante Celebrity-Lady Norma (Cecilia Roth), die den anderen Passagieren in der Business-Class verrät, dass sie als Escort- und Domina-erprobte Dame mit den „600 wichtigsten Männern des Landes“ geschlafen habe. Und dabei alle heimlich gefilmt hat. Die „Nummer 1“ wäre selbstverständlich auch dabei gewesen. „Der Ministerpräsident?“, fragt ein Fluggast empört . „Nein, der König!“, rufen die Flugbegleiter erregt.

Einer Majestätsbeleidigung glichen auch die vielen negativen Kritiken für Almodóvars Film in den spanischen Medien. Zu seicht. Zu albern. Zu oberflächlich. Dabei kann man es dem spanischen Kino-König nicht verübeln, auch mal Komödie zu drehen, die einer Fingerübung oder gar einem entspannten Ausatmen gleicht. In seiner Geschichte tauchen homosexuelle Flugbegleiter, bisexuelle Piloten, Auftragskiller, korrupte Geschäftsmänner, Schönlinge mit Riesenschwänzen und sogar eine erwachsene Jungfrau auf. Letztere ist Hellseherin und nimmt Kontakt mit dem Jenseits auf, in dem sie den Piloten ins männliche Gemächt greift – die Katastrophe steht unmittelbar bevor. Orientierungslos schwebt das Flugzeug über spanischem Luftraum, derweil die Flugbegleiter Alkohol und Drogen-Cocktails an die Gäste verteilen und sich prompt eine hemmungslose Sex-Orgie entlädt.

Natürlich ist das genauso abstrus und quietschbunt, wie die farbliche Ausstattung der Requisiten oder die Dialoge: „Ich dachte, ich hätte den Tod gerochen. Aber es war nur ein Furz“, heißt es an einer Stelle. Doch hinter all dem Slapstick und tanzenden Flugbegleitern, die „I’m so excited“ von den Pointer Sisters trällern, verbirgt sich Almodóvars subtile Kritik am gegenwärtigen Spanien: Den vor wenigen Jahren mit Milliardengeldern finanzierte und mittlerweile stillgelegte Flughafen La Mancha (auf dem die „Fliegenden Liebenden“ südlich von Madrid notlanden), gibt es tatsächlich. Den Hauptschuldigen, jenen korrupten Geschäftsmann, platziert Almodóvar in seinem Ensemble in der Business-Class. So ist die Komödie nicht nur eine Auszeit von Almodóvars Kernthemen Gender-Konflikt, Transsexualität oder religiöse Tabubrüche, sondern vor allem ein Sinnbild für die Flucht aus einem kriselnden Spanien, hinauf in die Wolken. Doch auch dort werden die Figuren von der Tragödie heimgesucht. Es gibt nur eine Möglichkeit: den bedingungslosen Exzess.

Quelle: David Siems, www.programmkino.de

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