DIE SCHÖNEN TAGE

Frankreich 2012; Regie: Marion Vernoux; mit: Fanny Ardant, Laurent Lafitte, Patrick Chesnais, Féodor Atkine, Marie Rivière, Jean-François Stévenin; 94 Minuten; FSK ohne Altersbeschränkung

Der Film im Internet: www.die-schoenen-tage.de



Hals über Kopf wirft Caroline (Fanny Ardant) ihren Job hin. Grund: Eine arrogante Patientin verärgert die 60-jährige, überaus attraktive Zahnärztin. Plötzlich soll die Mutter zweier erwachsener Töchter ihre neue Freiheit im Ruhestand genießen. Von allen Seiten bekommt sie Ratschläge, um ihren Alltag aktiv zu gestalten. Dass vor fünf Monaten ihre beste Freundin starb, macht ihre Situation freilich nicht einfacher. Als ihre Töchter ihr einen Probegutschein für einen Senioren-Club schenken, um sie abzulenken, ist sie wenig begeistert. Nur widerwillig versucht sie es mit Töpfer-, Yoga- und Schauspielkursen.

Doch nachdem zuhause der Internetanschluss aussteigt, schreibt sie sich beherzt in einen Computerkurs ein. Und plötzlich begegnet ihr dort ein junger Typ und macht ihr, sie kann es kaum glauben, unmissverständlich Avancen. Dem charmanten Computerlehrer und notorischen Frauenheld Julien (Laurent Lafitte) gelingt es, sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Doch soll sie etwa in ihrem Alter trotz Ehe und erwachsener Kinder noch eine Affaire anfangen? Schließlich könnte der 40jährige Don Juan von der bretonischen Küste ihr Sohn sein. Ein prickelndes Abenteuer mit lustvollen, heimlichen Treffen beginnt.

Sie gilt als eine der großen französischen Diven: Fanny Ardant, die geheimnisvolle, strahlend schöne Femme fatale mit breiter Mundpartie und herausfordernden Augen, selbstbewusstem Auftreten und einer anziehenden Distanz, die sie nur selten aufgibt. Meisterregisseur François Truffaut entdeckte die Tochter eines Kavallerieoffiziers für die Leinwand. Die brünette Aktrice war bis zu seinem plötzlichen Tod seine Muse, Lebensgefährtin und der Star seiner letzten Filme. Herkömmliche Moralvorstellungen sind der ehemaligen Klosterschülerin fremd. Sie hat drei Töchter von drei verschiedenen Männern, war aber nie verheiratet.

„Während die meisten Leute Untreue für eine Sünde halten, die reihenweise Ehen zerstört“, sagt die immer noch aparte Einzelgängerin, „fand ich schon immer, dass ein Seitensprung eine Art Vitaminspritze für eine Beziehung sein kann“. Nicht zuletzt mit dieser Einstellung ist der inzwischen 64jährigen, die nichts von ihrer einnehmenden Ausstrahlung verloren hat, die Rolle auf den Leib geschrieben. Ihr zuzuschauen, wie sie sich mit Stolz und Grazie in ein amouröses Abenteuer mit einem jüngeren Mann stürzt, ist ein Genuss. In keiner Sekunde wirkt sie dabei lächerlich. 

An ihrer Seite laufen auch die beiden Hauptdarsteller zu Hochform auf: Patrick Chesnais als geduldiger, lakonischer Ehemann Philippe, der nachts in der Küche Eis löffelnd auf die Rückkehr seiner lebenslustigen Gattin wartet und Laurent Lafitte („Kleine wahre Lügen“, „Ein Mordsteam“) als unwiderstehlicher Womanizer Julien, der lieber Unverbindlichkeit zelebriert als sich auf etwas fest zu legen. Die Chemie zwischen ihr und dem talentierten Schauspieler, der heute neben Gad Elmaleh zu den erfolgreichen Komikern und Filmstars Frankreichs zählt, funktioniert perfekt. 

Sanft, mit leisem Humor blickt Regisseurin Marion Vernoux auf diese schöne, starke Frau, die im Alter ausbricht, aber die Zeit nicht zurückdrehen kann. Fasziniert von der Anmut ihrer Hauptdarstellerin, die ihre Kamera zärtlich umschmeichelt, erzählt die 47jährige die Geschichte über neue Freiheiten, Loslassen, Vergänglichkeit, Freundschaft und verborgene Sehnsucht. Spielerisch vereinigt sie dabei alle handwerklichen Tricks der „Nouvelle Vague“ angefangen von Überblendungen, Zoom bis hin zu Reißschwenks und nervöser Handkamera. Dabei gibt es keine Rückblenden, die verflossenes Glück sichtbar machen. 

Quelle: Luitgard Koch www.programmkino.de

wochenprogramm links Wochenprogramm